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Banken verknüpfen Kapital mit unternehmerischer Vision

Banken verfügen über viele Stellschrauben, um den Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu fördern. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, Nachhaltigkeit strategisch in ihre Geschäftstätigkeit einzubinden und das Angebot innovativer grüner Finanzierungsinstrumente auszuweiten.

Die Entwicklung hin zu einer nachhaltig ausgerichteten Wirtschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Alle relevanten gesellschaftlichen Kräfte sind aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten. Ob Politik, Interessenverbände, wir als Konsumenten oder die Unternehmen selbst – nur im Zusammenwirken wird das Ziel erreicht. Dafür braucht es einen langen Atem. Wir sprechen hier von einer Generationenaufgabe.

Den Banken kommt in diesem Kontext eine anspruchsvolle Doppelrolle zu: Zum einen verpflichten sie sich selbst als Unternehmen zu nachhaltigem Verhalten. Zum anderen können sie als Finanzierer Unternehmen besonders fördern, die sich zu nachhaltigem Handeln verpflichten und auf ökologisch und sozial tragfähige Geschäftsmodelle setzen. Die ING geht dazu von Anfang an in den strategischen Dialog mit der Entscheidungsebene der Unternehmen. Je umfassender das Verständnis von Nachhaltigkeit in die Strategie einer Bank integriert ist, desto größer ihr Beitrag zum nachhaltigen Wandel. Zugleich liegt ein solches Vorgehen auch im eigenen Interesse der Kreditinstitute. Denn langfristig werden nur Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, auch nachhaltig erfolgreich am Markt agieren.

Der Einfluss der Kreditinstitute darf dabei weder unter- noch überschätzt werden. Selbstverständlich können Banken nicht im Alleingang eine durchgängig nachhaltig ausgerichtete Wirtschaftsordnung schaffen. Zugleich besitzen sie jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung von Geschäftsprozessen ihrer Geschäftspartner – und diesen sollten sie nutzen.

In Nachhaltigkeit liegt Wettbewerbsstärke

So heißt es im Strategic Management Journal, einer führenden wissenschaftlichen US-Fachzeitschrift, dass verantwortungsvoll, sozial und ökologisch agierende Unternehmen weniger volatil in ihren Geschäftsergebnissen sind, ein höheres Umsatzwachstum erzielen und sich besser im Wettbewerb behaupten. Die Strategieberatung McKinsey & Company geht davon aus, dass der Wertbeitrag aus nachhaltigem unternehmerischem Handeln zwischen 25 und 70 Prozent des EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) ausmachen kann. Dazu passt die Selbstverpflichtung der Ratingagenturen, die sich den UN Principles for Responsible Investment angeschlossen haben: Sie wollen besser darin werden, ESG-Faktoren systematischer und transparenter zu berücksichtigen, wenn es darum geht, die Kreditwürdigkeit von Unternehmen zu beurteilen.

Es ist ein bewährtes Prinzip, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Dazu kann gehören, dass Banken ihren Geschäftsbetrieb klimaneutral gestalten, in einem energieeffizienten Gebäude operieren, Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen oder auch entlang ihrer gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette auf Nachhaltigkeitsstandards achten. So hat sich die ING verpflichtet, bis 2020 Strom und Wärme nur noch aus erneuerbarer Energie zu beziehen. Zudem kann sie anhand zahlreicher Auszeichnungen sowie Bestplatzierungen in Nachhaltigkeits-Rankings und -Ratings ihr eigenes Engagement auf dem Weg zu ökologisch und gesellschaftlich nachhaltigerem Wirtschaften belegen.

Im Finanzierungsgeschäft hat die ING das Ziel formuliert, das Volumen ihres Sustainable-Kreditportfolios in den kommenden vier Jahren zu verdoppeln. Zu den zentralen Finanzierungsinstrumenten dieses Portfolios gehören die so genannten Green Loans. Diese Firmenkredite sind an nachhaltige Projekte, eine grüne Produktentwicklung oder ein grünes Projektportfolio gebunden. Die Bedeutung nachhaltiger Kriterien für die Kreditvergabe dürfte mit dem Aktionsplan der Europäischen Kommission zur nachhaltigen Finanzierung vom März dieses Jahres ohnehin für die gesamte Branche erheblich steigen.

Großer Spielraum für Innovation

Zu den etablierten und verbreiteten Instrumenten im Bereich grüner Finanzierungen gehören unter der Bezeichnung „Green Lending“ Projektfinanzierungen, mit denen die Entwicklung, der Bau und der Betrieb von nachhaltigen Großvorhaben wie (Off-Shore-) Windparks, Solarparks oder Wasserprojekten realisiert werden. Einen weiteren Markt, der seit Jahren rasant wächst, bilden Green Bonds. Er hat inzwischen eine Reifephase erreicht, in der Emittenten und Investoren einen liquiden Markt bilden. Green Bonds bieten in Form von Anleihen, Schuldschein oder Verbriefungen Kapitalmarktinstrumente, deren Erlös zur Finanzierung grüner oder sozialer Projekte verwendet wird und deren Verwendungszweck in den Anleihebedingungen definiert ist.

Das Portfolio von Sustainable-Finanzierungsinstrumenten ist bereits vielfältig, und dennoch gibt es weiterhin viel Spielraum für Innovation. Im nachhaltigen Finanzierungsangebot der ING zum Beispiel stoßen Sustainability Improvement Loans auf großes Interesse von Unternehmen. Diese Darlehen können für allgemeine Unternehmenszwecke verwendet werden und verknüpfen die Zinsmarge mit einem Nachhaltigkeits-Rating des Kunden. Verbessert sich dieses Rating, sinken die Finanzierungskosten für das Unternehmen.

Weitere spannende Räume für Innovation öffnen sich, wenn der Blick auf die einzelnen Stufen der Wertschöpfungskette eines Unternehmens fällt. Mit nachhaltigen Lieferketten-Finanzierungen zum Beispiel (Sustainable Supply Chain Finance) lässt sich die Lieferantenbasis eines Unternehmens stärken, indem die Bank mit Supply-Chain-Finanzierungsprogrammen nachhaltige Vorteile für nachhaltig agierende Lieferanten einräumt. Auf der anderen Seite kann vom Unternehmen im Rahmen eines Sustainable-Trade-Receivables-Purchasing-Programms die vorfinanzierte Liquidität zur Finanzierung nachhaltiger Projekte oder eines grünen Projektportfolios verwendet werden.

Von der Idee zum Aktionsplan

Einen inspirierenden Ansatz für Innovation bieten zudem visionäre Konzepte wie die Kreislaufwirtschaft. Das Weltwirtschaftsforum hat 2017 mit der Initiative „PACE“ (Platform for Accelerating the Circular Economy) eine Initiative angestoßen, um mittelständische Unternehmen in der Lieferkette großer Konzerne darin zu unterstützen, ihre Entwicklung zirkulärer Geschäftsmodelle zu beschleunigen. Die Verantwortung der Banken in diesem Prozess liegt darin, innovative Finanzierungsmodelle bereitzustellen. Zur Vision der Kreislaufwirtschaft zählt auch die Idee des „Circular Product as a Service“ (PaaS), das gerne etwas griffiger mit dem Dreiklang „Reduce. Reuse. Recycle“ umschrieben wird. Schon jetzt bietet auch die ING innovative Finanzierungslösungen für den Übergang zu solchen nachhaltigen Geschäftsmodellen.

Doch nicht nur auf der Kredit-, sondern auch auf der Eigenkapitalseite öffnen sich den Banken Möglichkeiten, einen nachhaltigen Wandel unserer Wirtschaft zu fördern. ING hat jüngst den Sustainable Investment Fund mit 100 Millionen Euro Kapital ins Leben gerufen. Damit werden erfolgreiche Jungunternehmen unterstützt, die noch nicht alle Kriterien für eine umfassende Senior-Finanzierungslösung erfüllen, aber nach wie vor eine Finanzierung benötigen, um ihr Geschäft organisch oder über eine Buy-and-Build-Strategie auszubauen.

Wir sind überzeugt, dass Unternehmen, die sich mit Klimawandel und Knappheit der Ressourcen beschäftigen und die einen nachhaltigen Wandel vollziehen, die Gewinner der Wirtschaft von morgen sein werden. Banken sollten im eigenen Interesse innovative Angebote entwickeln, um diese Gewinner zu unterstützen. Dafür müssen sie eigentlich nichts Anderes tun als das, was sie immer schon getan haben: Kapital mit unternehmerischen Visionen zusammenzubringen. Selten zuvor hatte dies eine vergleichbar hohe gesellschaftliche Relevanz. Darin liegt die große Chance, aber auch die Verantwortung der Banken.

Von Marco Schoneveld, Manager Trade Finance Services Corporate Sales sowie Sustainability Representative, ING Wholesale Banking Germany and Austria